Studie bestätigt: Schöne Fassaden senken die Kriminalitätsrate

Fassadenmalerei vermindert Kriminalität.

Jedem von uns ist sie schon einmal im Alltag begegnet: eine schön gestaltete Fassadenmalerei. Ob nun die Außenfassade eines Gebäudes oder die Trafostation neben der Bushaltestelle – ganz egal wo sie uns ins Auge fällt, eines ist sicher: Eine gute Fassadenmalerei hinterlässt durch tolle Motive und Schriftzüge einen positiven Eindruck beim Betrachter.

Eine Fassadengestaltung ist jedoch viel mehr als nur ein Werbemittel und ein optischer Hingucker. Eine niederländische Studie der Universität Groningen beweist, dass sie zur Senkung der Kriminalitätsrate beiträgt.

Wodurch wird Kriminalität begünstigt?

Diese Studie belegt, dass in verwahrlosten und heruntergekommenen Gegenden die Kriminalitätsrate höher ist, als in einer gepflegten und sauberen Gegend. Beschmierte Wände durch hässliches Graffiti, herumliegender Müll oder zerschlagene Fensterscheiben führen dazu, dass die Hemmschwelle der Menschen sinkt. Dies hat zur Folge, dass soziale Normen schneller gebrochen werden und Kleinkriminalität zunimmt. Ein Beispiel dafür sind verlassene und marode Gebäude. Meistens sind die Fassaden fast komplett beschmiert, die Fenster eingeschlagen und der Boden ringsherum vermüllt. Es steht außer Zweifel, dass Vandalismus an diesem Ort wahrscheinlicher ist, als bei einem gepflegten und sauberen Gebäude in einem eben solchen Umfeld.

Die „Theorie der zerbrochenen Fenster“

Die Frage „Warum gibt es mehr Kriminalität in verwahrlosten Gegenden?“ beschäftigte auch die US-amerikanischen Sozialforscher James Q. Wilson und George L. Kelling im Jahr 1982 und sie stellten daraufhin die „Broken-Windows-Theorie“ auf. Diese heißt übersetzt so viel wie „Theorie der zerbrochenen Fenster“, in der es um den Zusammenhang zwischen dem Verfall von Stadtgebieten und Kriminalität geht. Mit dieser Theorie behaupteten die Forscher, dass ein zerbrochenes Fenster eines Gebäudes bereits ausreichen würde, um später eine völlige Verwahrlosung eines Stadtteils mit hoher Kriminalität zu verursachen. Das bedeutet im Gegenzug, dass Kriminalität durch eine gepflegte und saubere Umgebung verringert werden kann.

Bestätigung der Theorie durch neue Untersuchungen

Lange fehlte der Theorie die notwendige empirische Untermauerung, wodurch die populäre Studie oftmals kritisiert wurde. Doch die niederländischen Wissenschaftler Keez Keizer, Siegwart Lindenberg und Linda Steg bestätigten die Theorie. Mit ihrer Studie “The Spreading of Disorder” (2010), übersetzt etwa „Die Ausbreitung regelverletzenden Verhaltens“, holten sie die fehlenden empirischen Daten nach, in dem sie mehrere Experimente durchführten.

Keizer-Studie unterstreicht diese Theorie.

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler das Verhalten einer Vielzahl von Probanden in verschiedenen Umgebungen. Für die Bezeichnung der Umgebungen wird in der Studie der Begriff „order condition“, also der „Ordnungszustand“ und der Begriff „disorder condition“, ein „Störugszustand“ beschrieben. Die Forscher führten insgesamt sechs Experimente durch, von denen die drei Bekanntesten im Folgenden kurz erläutert werden.

Studie bestätigt: Schöne Fassaden senken die Kriminalitätsrate

Quelle: Keizer, Kees Evert, The spread of disorder. 

Studie bestätigt: Schöne Fassaden senken die Kriminalitätsrate

Quelle: Keizer, Kees Evert, The spread of disorder. 

Experiment “Werbeflyer entsorgen”

Das erste Experiment fand in Groningen in einer Gasse eines Einkaufsviertels statt. Die Gasse ist für das häufige Abstellen von Fahrrädern bekannt. Bei dem Experiment wurden weiße Flyer mit dem Spruch „we wish everybody happy holidays“ so an die Lenker der Fahrradlenker gebunden, dass diese zur Bedienung des Fahrrads abgemacht werden mussten. Die Fahrradbesitzer hatten somit die Wahl, ob sie den Flyer wegwerfen oder mitnehmen. Die Abfallkörbe am Fahrradabstellplatz wurden abmontiert und ein ausfälliges Standardverbotsschild an die Fassade gebracht, welches ein Verbot für Graffiti aussprach.

  • Ordnungszustand: Im Ordnungszustand blieben die Wände sauber. 33% der Radbesitzer warfen den Flyer auf den Boden oder hängten ihn an das danebenstehende Fahrrad.
  • Störungszustand: Später verunstalteten die Forscher die Fassade am Fahrradabstellplatz durch Schmierereien. Das Ergebnis nach der Beobachtung zeigte, dass sich die Anzahl der Menschen, die den Flyer auf den Boden warfen, von 33% auf 69% mehr als verdoppelte.
Studie bestätigt: Schöne Fassaden senken die Kriminalitätsrate

Quelle: Keizer, Kees Evert, The spread of disorder. 

Experiment “Durchgang verboten”

Im zweiten Experiment umzäunten die Forscher einen Autoparkplatz mit einem provisorischen Zaun. Der Zaun wurde so positioniert, dass er eine kleine Lücke hatte, sodass man gegebenenfalls hindurchschlüpfen konnte. Ein Schild mit der Aufschrift „Durchgang verboten“ mit einer zusätzlichen Bitte, den Haupteingang 200m weiter zu nehmen, wurde angebracht. 60cm daneben wurde ein weiteres Schild befestigt, welches ein Verbot aussprach, Fahrräder an den Zaun anzuschließen. Hierbei ging es nicht um allgemeine soziale Normen, sondern um Regeln, die von der öffentlichen Behörde festgelegt wurden.

  • Ordnungszustand: Am Zaun befanden sich keine angeschlossenen Fahrräder. Dennoch benutzten 27% der Menschen die kleine Lücke des Zauns, um deren Weg zu verkürzen.
  • Störungszustand: Bei einem weiteren Versuch wurden vier Fahrräder von den Forschern an den Zaun angeschlossen. Das Ergebnis zeigte, dass nun 82% der Menschen das Verbot brachen und durch die Lücke des Zauns gingen.
Studie bestätigt: Schöne Fassaden senken die Kriminalitätsrate

Quelle: Keizer, Kees Evert, The spread of disorder.

Experiment “Diebstahl”

In dem wohl spektakulärsten Experiment ging es um die Bereitschaft von Menschen zu stehlen. Hier steckten die Forscher einen Fünf-Euro-Schein gut sichtbar in einen adressierten Fensterbriefumschlag, der und aus einem Briefkasten herausragte.

  • Ordnungszustand: Im Ordnungszustand sah der Briefkasten gepflegt aus und der Boden ringsherum sauber. Bei diesem Versuch haben 13% der vorbeilaufenden Menschen den Briefumschlag mitgenommen. Der Rest hat den Briefumschlag zwar wahrgenommen, jedoch steckengelassen oder teilweise sogar zurück in den Briefkasten geworfen.
  • Störungszustand 1: Im ersten Störungszustand wurde der Briefkasten durch Graffiti verunstaltet, der Boden blieb sauber. Diesmal begangen 27% der Menschen Diebstahl – das ist mehr als doppelt so viel.
  • Störungszustand 2: Hier blieb der Briefkasten sauber, der Boden wurde jedoch vermüllt. Hierbei nahmen 25% der Menschen den Briefumschlag mit dem Geld mit.

Anhand dieser Beobachtung schlussfolgern die Forscher, dass eine Störung (Graffiti oder Abfall) eine weitere Störung (Diebstahl) fördert, was sich allgemein übertragen lässt. Sie kamen zu dem Schluss, dass ein bestimmtes normverletzendes Verhalten die eigene Konformität mit Normen und Regeln negativ beeinflusst.

Unsere Erfahrung bestätigt Theorie ebenfalls

Anhand unserer eigenen Erfahrungen können wir bestätigen, dass eine ordentliche und saubere Umgebung dazu beiträgt, dass sich das Verhalten der Menschen ändert. Die Fassaden und Trafostationen die wir umsetzen, fallen den Menschen positiv auf und wir bekommen regelmäßiges Feedback, dass die Verschönerung der Objekte wertgeschätzt wird. Das merken wir vor allem daran, dass Vandalismus, wie Schmierereien, zurückgehen und auch die Anwohner im Umfeld noch mehr auf Sauberkeit achten. Wir können auch feststellen, dass nach einer Fassadenmalerei, weniger Müll, Dreck und Unrat vor den Objekten zu finden sind.

Motive auf der Fassade verhindern dazu auch zusätzlich, dass die Oberflächen erneut beschmiert werden. Man kann sagen: Je aufwendiger das Motiv, desto höher ist die Hemmschwelle, wodurch die Fassade von Vandalismus unberührt bleibt. Eine einfarbige Oberfläche, so zeigte sich, kann schnell wie eine unbemalte Leinwand wirken, was Schmierer dazu einlädt, Vandalismus zu begehen. Eine aufwendigere Fassadengestaltung mag für den ersten Schritt kostenintensiver wirken, doch wenn nicht ständig Schmierereien entfernt werden müssen, ist eine verschönerte Fassade dann doch wieder kostengünstiger.

Fazit der Studie

Die Studie der Forscher beweist anhand der Experimente, dass soziale Normen in einer heruntergekommenen Umgebung verstärkt gebrochen werden und auch die Kleinkriminalität zunimmt. Es steht somit fest, dass das Verhalten der Menschen durch ihre Umgebung beeinflusst wird und sich somit ändern kann. Umso wichtiger ist es also, den Menschen ein Umfeld zu kreieren, welches gepflegt und sauber ist.

So tragen auch schöne Fassadengestaltungen dazu bei, dass das Wohlbefinden der Menschen steigt, die Umwelt positiver wahrgenommen wird und die Kriminalitätsrate sinkt. Ist eine Außenfassade oder beispielsweise eine Trafostation liebevoll und schön gestaltet, ist auch zusätzlich die Wahrscheinlichkeit gering, dass die Oberfläche mit unschönem Graffiti beschmiert wird und die Umgebung drum herum vermüllt wird. Die Hemmschwelle für Schmierereien steigt. Eine tolle Fassadengestaltung ist also nicht nur ein optischer Hingucker und clevere Werbefläche zugleich, sie trägt auch einer Verringerung der Kriminalität bei.

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