
Amazon hat Ende Januar 2026 angekündigt, sämtliche eigenen Lebensmittelfilialen aufzugeben: 15 Amazon Go und 57 Amazon Fresh, zusammen 72 Standorte. Die meisten schlossen am 1. Februar 2026, die kalifornischen Standorte folgten mit gesetzlicher Frist rund 45 Tage später (GeekWire, 28.01.2026). Damit endet ein Experiment, das an dieser Stelle im Dezember 2016 als Blick in die Zukunft begann.
Es lohnt sich, die Rechnung zehn Jahre später noch einmal aufzumachen. Nicht, weil Amazon sich blamiert hätte – sondern weil sich an diesem Fall genau ablesen lässt, welche Art von Handelstechnik trägt und welche nicht. Dieselbe Frage stellte sich schon beim interaktiven Schaufenster, über das wir 2015 geschrieben haben.
Neun Jahre vom Zukunftsversprechen zur Schließung
Die erste Filiale im Seattler Day-1-Building öffnete am 22. Januar 2018 für die Öffentlichkeit, nach rund 14 Monaten internem Test mit Mitarbeitenden. Der Plan dahinter war groß: Berichten von 2018 zufolge dachte Amazon über bis zu 3.000 Standorte nach.
Erreicht wurden je nach Zählweise 26 bis 30 Filialen, der Höchststand lag 2022 und Anfang 2023. Danach ging es nur noch abwärts. Im April 2023 schlossen acht Läden in Seattle, New York und San Francisco. Ende 2024 folgten drei weitere in New York, im Februar 2025 einer in Kalifornien – Begründung des Unternehmens damals: Mit den Mietkosten sei die Rechnung nicht aufgegangen. In Großbritannien war ursprünglich von 260 Standorten die Rede; über rund 20 kam Amazon nie hinaus, im September 2025 wurde auch dort Schluss gemacht.
Von 3.000 geplanten Filialen wurde nicht einmal ein Prozent erreicht. Amazon selbst begründete das Ende damit, trotz ermutigender Signale kein Format gefunden zu haben, das ein tragfähiges wirtschaftliches Modell für eine Expansion in großem Maßstab mitbringt.
Warum die Technik im Supermarkt nicht funktionierte
Der erste ernsthafte Rückzug kam zwei Jahre vor dem Ende. Am 3. April 2024 bestätigte Amazon, die kassenlose Technik aus den US-Filialen von Amazon Fresh zu entfernen und durch Einkaufswagen mit Sensoren und Display zu ersetzen, die sogenannten Dash Carts (NBC News, 03.04.2024).
Die Begründung ist aufschlussreich, weil sie nichts mit Technik zu tun hat. Kunden wollten laut Amazon zwar die Schlange sparen, aber zusätzlich Angebote in ihrer Nähe sehen, den Bon schon während des Einkaufs mitlesen und wissen, wie viel sie gerade sparen. Genau das leistet ein Wagen mit Bildschirm – und ein System, das den Einkauf erst beim Verlassen des Ladens abrechnet, eben nicht.
Die Kameras haben funktioniert. Was nicht funktioniert hat, war die Rechnung dahinter: Sensorik für eine Vollsortimentsfläche kostet mehr, als der eingesparte Kassenplatz einbringt.
Am selben Tag berichtete das Branchenmedium The Information, mehr als 1.000 Beschäftigte in Indien prüften Videoaufnahmen kassenloser Einkäufe; 2022 hätten rund 700 von 1.000 Verkäufen manuell nachkontrolliert werden müssen, bei einem internen Zielwert von 50 (zitiert u.a. bei Fortune, 03.04.2024). Amazon hat dem öffentlich widersprochen: Beschäftigte würden Aufnahmen nachträglich annotieren, um die Modelle zu verbessern, aber keine Einkäufe aus der Ferne live überwachen; betroffen sei nur eine kleine Minderheit der Vorgänge.
Beide Darstellungen stehen bis heute nebeneinander. Unstrittig ist, dass Menschen im Prüfkreislauf saßen – das räumt Amazon selbst ein. Strittig sind Rolle und Größenordnung, und eine unabhängige Überprüfung der 70-Prozent-Angabe gibt es nicht. Dass die Meldung über die Prüfer und die Meldung über den Rückzug am selben Tag erschienen, belegt für sich genommen keinen Zusammenhang. Amazon hat einen solchen nie eingeräumt.
Was überlebt hat: die Technik ohne den eigenen Laden
Während die Filialen verschwanden, wuchs das Lizenzgeschäft. Amazon vermarktet die Technik unter dem Namen Just Walk Out heute an fremde Betreiber und nennt nach eigenen Angaben über 375 Standorte in den USA, Großbritannien, Australien, Frankreich und Kanada, darunter mehr als 60 an Universitäten (AWS Just Walk Out). Zu den Einsatzorten zählen Stadien wie das Allianz Stadium in Twickenham und Wrigley Field in Chicago, Kliniken, Flughäfen und Ladeparks.
Amazon beziffert den Warenschwund in diesen Märkten auf unter ein Prozent und meldet 18 Prozent mehr Umsatz für Läden, die dank der Technik nachts ohne Personal geöffnet bleiben. Diese Zahlen stammen vom Anbieter selbst und sind nicht unabhängig geprüft – als Größenordnung sind sie trotzdem aufschlussreich, weil sie das Muster zeigen.
Dieses Muster ist der eigentliche Ertrag aus zehn Jahren Amazon Go: Die Technik trägt dort, wo die Fläche klein ist, das Sortiment schmal und Personal zu bestimmten Zeiten ohnehin nicht verfügbar. Im Stadion zur Halbzeit, in der Klinik um drei Uhr nachts, auf dem Campus am Wochenende. Sie trägt nicht als Ersatz für einen Supermarkt.
Deutschland hat sich für den unspektakuläreren Weg entschieden
Hierzulande ist die Entwicklung ruhiger verlaufen, und das erweist sich rückblickend als die klügere Variante.
REWE betreibt sein kassenloses Konzept Pick&Go nach über vier Jahren noch immer als Test. Der siebte Markt eröffnete im Mai 2026 in Hannover, die übrigen stehen in Köln, Berlin, München, Düsseldorf und Hamburg. Bemerkenswert ist ein Detail aus Hannover: Der Markt umfasst rund 650 Quadratmeter und wird von etwa 25 Mitarbeitenden betrieben (Handelsverband Rheinland-Pfalz, 27.05.2026). Kassenlos heißt in der deutschen Umsetzung nicht personallos.
Andere Anbieter sind zurückgerudert. Aldi hat den Londoner Testmarkt Shop&Go nach vier Jahren beendet und die zugehörige App im Mai 2026 abgeschaltet; der Standort läuft als normale Filiale mit SB-Kassen weiter. Netto eröffnete Anfang 2024 in Regensburg den nach eigenen Angaben größten autonomen Markt Europas mit rund 800 Quadratmetern und etwa 5.000 Artikeln – geblieben ist es bei zwei Standorten, weitere sind vorerst nicht geplant. Die rund 40 automatisierten teo-Märkte von tegut wurden 2025 in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert; nach Recherchen des Fachdiensts Supermarktblog haben 13 davon das ursprüngliche Versprechen der Rund-um-die-Uhr-Öffnung wieder eingeschränkt, wegen schwacher Nachtumsätze, Diebstahl und Vandalismus. Im März 2026 hat Migros tegut verkauft.
Die eigentliche Erfolgsgeschichte im deutschen Handel läuft derweil ohne Schlagzeilen. Nach der Markterhebung des EHI Retail Institute vom November 2025 stehen in 11.120 Märkten insgesamt 38.650 SB-Kassen. Jede 18. Kasse im deutschen Handel ist damit eine Selbstbedienungskasse, im Lebensmittelhandel sind es über 6.240 Märkte. Das EHI nennt den Personalmangel ausdrücklich als Treiber dieser Entwicklung.
Der deutsche Handel hat die Kasse nicht abgeschafft. Er hat sie umgebaut – und ist damit weiter gekommen als Amazon mit neun Jahren Vollautomatisierung.
Was Händler daraus mitnehmen
Das Ziel war nie, die Kasse loszuwerden. Das Ziel war, das Warten loszuwerden. Diese beiden Dinge werden regelmäßig verwechselt, und der Unterschied entscheidet darüber, ob eine Investition sich rechnet.
Für die Praxis heißt das dreierlei. Erstens: Messen Sie, wo Ihre Kunden tatsächlich warten. Bei einer Bäckerei ist das die Mittagsspitze zwischen zwölf und halb eins, nicht der ganze Tag. Bei einem Baumarkt die Beratung im Gartenbereich am Samstag, nicht der Kassenbereich. Wer die Engstelle nicht kennt, kauft Technik gegen ein Gefühl.
Zweitens: Lösen Sie diese eine Engstelle, statt ein Format zu ersetzen. Ein digitaler Bildschirm im Eingangsbereich, der zeigt, was heute vorrätig ist. Ein Abholregal für vorbestellte Ware. Eine Reservierungsfunktion auf der Website. Solche Bausteine kosten einen Bruchteil einer Sensordecke und wirken sofort. In unseren Projekten mit interaktiven Schaufenstern zeigt sich regelmäßig, dass schon die Verlagerung von Information nach außen die Zahl der Menschen erhöht, die überhaupt hereinkommen. Welche Reihenfolge dabei sinnvoll ist, haben wir in Modern Retail 2026 ausführlicher beschrieben.
Drittens: Bleiben Sie beim Thema Personal ehrlich mit sich. Dem Handel fehlten 2024 rechnerisch rund 122.000 Arbeitskräfte (HDE), gleichzeitig sind seit 2022 über 60.000 sozialversicherungspflichtige Stellen weggefallen. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Vermittlungsproblem: Die offenen Stellen und die verfügbaren Menschen passen nicht zusammen. Automatisierung hilft dort, wo Aufgaben anfallen, die niemand machen will oder für die zu bestimmten Zeiten schlicht niemand da ist. Als pauschaler Ersatz für Personal trägt sie die Daten nicht.
Amazon hatte neun Jahre Zeit, praktisch unbegrenztes Kapital und die leistungsfähigste Bildverarbeitung der Branche. Herausgekommen ist die Einsicht, dass Technik trägt, wo sie ein konkretes Problem löst, und scheitert, wo sie ein Ladenformat ersetzen soll. Für einen mittelständischen Händler ist das eine gute Nachricht: Der technologische Vorsprung, den Sie glaubten aufholen zu müssen, existiert nicht. Die Frage ist nicht, wie viel Technik in Ihren Laden passt. Die Frage ist, an welcher Stelle Ihre Kunden heute stehen und warten.
